Das Oratorium als Weltbildmaschine

Elisabeth Kotauczek und Kurt Schmid haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben den Bibelspruch „Tod, wo ist dein Stachel“ zu einem gewaltigen Bogen der Weltsicht erweitert, der dem sensiblen Zuhörer ein Gefühl gibt, als säße er am Steuer einer Weltbildmaschine. Einer Maschine, die einem, so lange er im Bann der Musik und der Texte steht, das Gefühl gibt, man verstünde die Welt in ihrem tiefsten Zusammenhang.

Die traditionsreiche musikalische Form des Oratoriums, von Händel mit seinem „Messias“ zu unerreichten Höhen entwickelt, ist eine gewaltige Herausforderung. Gilt es doch, nicht mehr und nicht weniger als das All-Eine in eine musikalische und lyrische Struktur zu gießen und so dem Publikum fühl- und erkennbar zu machen.

Das Oratorium als dramatische mehrteilige Vertonung einer literarischen Vorlage leitet seinen Namen vom Oratorium, dem Bethaus ab. Diese Oratorien waren Plätze der Kontemplation und der angeleiteten Weltwahrnehmung und geistigen Weltbildkonstruktion im Sinne einer religiösen Erbauung. Später trat der religiöse Gehalt in den Hintergrund und philosophische Gedanken und Metaphern nahmen deren Platz ein. Bis etwa zur Mitte des 17ten Jahrhunderts war es üblich, erzählende Texte, die „Testi“ von einem Solisten vortragen zu lassen, eine Tradition, die die beiden Autoren in den Partien des Baritons wieder aufleben ließen.

Jahrhunderte lang tobte unter den Gelehrten ein Streit, ob das Oratorium eher als epische oder als lyrische Kunstform einzustufen wäre. In der protestantischen Praxis wurde es üblich, einen Bibeltext zur Ausgangslage des Textes zu nehmen. Elisabeth Kotauczek wählte das Zitat aus dem ersten Korinther-Brief „Tod wo ist dein Stachel“ und codierte den zweiten Teil: „Hölle/Scheol, wo ist dein Sieg“ in die dramatische Beschreibung eines Sturms am Meer, der das wilde Wogen des Lebens schlechthin beschreiben könnte, um. Sie bedient sich dabei des Mittels der lyrischen Prosa, die sie interaktiv mit dem Komponisten einsetzt, um Sprachrhythmus und Timing perfekt mit der Musik abzustimmen.

Im neunten Satz wird unter dem Titel: “Feuer und Schwert“ der Konflikt zwischen den Jenseitsvorstellungen und ihrer Manifestationen im Diesseits thematisiert. So entwickelt sich ein Läuterungsdrama in der Gestalt einer Selbstbefreiungsgeschichte, die aus dem chaotischen Dunkel – der Hölle, dem Hades, des Scheol – zum durchgeistigten Licht führt. Ein Befreiungs-Happy-End durch die Kunst, die Musik. Kunst als Therapeutikum.

Unübersehbar die Anklänge an Freud und Jung mit ihrem kathartischen Selbstbefreiungsakt, der in der Selbsterkenntnis liegt. Aber auch die Metaphorik der Alchemie mit ihrer Feuerverliebtheit und der Sehnsucht nach dem „großen Werk“ und dem „Stein der Weisen“ ist nicht zu übersehen. Auch die verschiedenen Sichtweisen auf das „Jenseits“ als höllisches Purgatorium oder elysisches Wunderland, bis hin zum Cut-Off-Happy-End kommen in diesem Werk vor. Die „Hölle in mir“ (9. Satz) ebenso, wie das ultimative „Opus est“ (8. Satz).

Und wo bleibt Gott? Diese Frage bleibt dem Zuhörer überlassen. Religionsfreies Oratorium oder Religionsneutralität – das Publikum kann das vor dem individuellen Hintergrund seines eigenen Weltbildes selbst entscheiden. So gesehen, ist das vorliegende Kunstwerk eindeutig ein Kind der Postmoderne französischen Zuschnitts.

In der französischen laizistischen Musiktradition wurde das Oratorium eher zur „Symphonie dramatique“ oder zum „Mystère“, je nachdem, ob es eher einen weltlich-sinnlichen oder geistig-philosophischen Inhalt hatte. Auch diesem französischen Einfluss war Elisabeth Kotauczek ausgesetzt, lebt sie doch schon seit Jahren teilweise in Südfrankreich am Meer unter Künstlern und nahm so weitgehend unbewusst die Weltbildkonstrukte dieser Menschen in sich auf. Aber auch die romantisch-mystische Lichtverliebtheit und Farbigkeit der Provence klingt in ihrer Lyrik immer wieder durch und wird vom Komponisten kongenial in seiner Musik wiedergespiegelt.

Bis in die jüngste Zeit haben sich immer wieder Künstler an der großen Form des Oratoriums gemessen. Bis herauf zu Rock-Oratorien oder Pop-Oratorien. Aber immer wurden auch die klassischen Traditionen in zeitgemäßer Form gepflogen. Für alle Künstler, die sich diesem geistigen Abenteuer stellten, war es ein Höhepunkt ihres Schaffens. Bei Elisabeth Kotauczek und Kurt Schmid war es nicht anders. Beide sind an diesem Werk gewachsen.

Auch so kann man Philosophie betreiben!

© Prof. Peter Kotauczek 2009

Gemälde, Peter Kotauczek

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