Regiezettel – „Ein Ontoästhetisches Experiment“

Vorrede des Experimental-Forschers und Übersetzers:

(der Forscher tritt in einem weissen Labormantel auf, das Publikum hat einen typischen Theaterzettel beim Eintritt erhalten, Rauch kommt aus der Maschine, das Schlagzeug improvisiert leise mit dem Besen – der Forscher drückt die Handsensoren – leise  Musik setzt ein )

Hochverehrtes Publikum!

Ich bin experimenteller Forscher. Dieses Zelt hier um uns herum ist mein Laboratorium.

Sie sind Zeugen und Mitwirkende in einem Experiment, das in Alpbach noch nie vorher gewagt wurde:

Ein Ontoästhetisches Experiment!

Ich möchte Ihnen, verehrtes Publikum unser Experiment erklären:

Der Physiknobelpreisträger (1933) Erwin Schrödinger ist einer der Väter des Forums Alpbach. Er ist aber auch einer der Schöpfer der Quantenmechanik. Die Quantentheorie nimmt an, dass die Beobachtung das Experiment beeinflusst.

Als Schrödinger das Phänomen der Superposition erklären wollte, hat er sich ein Gedankenexperiment ausgedacht:

In einer Kiste befinden sich eine Katze, eine Giftphiole aus Glas, ein Hammer, der mit einem Strahlungsdetektor gekoppelt ist und ein instabiles Atom. Zerfällt das Atom, so sendet es beim Zerfall eine Strahlung aus, die vom Detektor registriert wird. Der Detektor löst dadurch den Mechanismus des Hammers aus, der wiederum die Giftphiole zerschlägt. Dadurch stirbt die Katze.

Nach der Quantentheorie ist nun, solange der Deckel des Kistchens nicht durch einen Beobachter geöffnet wird, der Zustand des Atoms unbestimmt. Damit ist aber auch unbestimmt, ob die Katze lebt oder schon tot ist.

Vielen Menschen gefällt die Geschichte nicht. Sie ist absurd und grausam.

Wir wollen sie daher durch ein schöneres Experiment ersetzen.

Denken wir uns, dieses Zelt sei Schrödingers Kiste. Nun brauchen wir noch die Katze und den komplizierten Vergiftungs-/Nicht-Vergiftungs-Apparat.

Die Katze soll eine Oper sein. Am Ende des Experiments wird sie leben oder tot sein. Im Bewusstsein des Beobachters. In uns.

Das tödliche Gift ist unsere Kritik. Sie wird die Oper töten oder leben lassen.

Der Quantenmechanische Apparat sind sie, das Publikum und die handelnden Personen, die ich ihnen nun vorstelle:

Der Übersetzer, das bin ich, ich habe die dienende Rolle, für sie das Geschehen zu kommentieren und neue Aspekte zu eröffnen.

Der Audiator, ein Künstler, der alle möglichen Signale aus der Kiste verwendet um sie hörbar zu machen.

Der Videator tut das gleiche mit Bildinformationen.

Der Zeitmeister strukturiert unsere gemeinsame Zeit durch rhythmisches Schlagen der Trommeln.

Der Sensator holt sich Informationen aus dem Körper des Publikums, so wie ich hier gerade die Ouverture mit meinem Hautwiderstand intoniere.

Und wir alle zusammen entscheiden, ob die Katze – pardon – die Oper lebt oder nicht.

Lasset uns beginnen!

(eine erste längere Musiknummer wird ohne Mitwirkung des Publikums vorgeführt, dann Stopp. Der Forscher:)

Wir sind nun mitten im Geschehen der Oper. Nun wollen wir sie als Publikum mit in das Experiment einbinden. Wir haben hier Sensoren vorbereitet. Bitte nehmen sie ein Paar in die Hand. Der Sensor misst die Veränderung ihres Hautwiderstandes, der sich je nach ihrer emotionalen Reaktion auf die Handlung der Oper verändert. Damit wird ihr Körper zum Sänger in unserem Stück.

(eine erste Arie wird nun mit Mitwirkung des Publikums vorgeführt, dann wieder Stopp. Der Forscher:)

Nun wollen wir einen Chor bilden. Hier sind weitere Sensoren, sie sind auf andere Instrumente gestimmt. Bitte nehmen sie sich bei der Hand. Sie spielen jetzt gemeinsam mit dem Solisten von vorher eine neue Szene unserer Oper.

Sie bitte in der .. Reihe nehmen sich den nächsten Sensor der an das Video gekoppelt ist, sie steuern nun mit ihrem Körper das Bild auf der Leinwand.

(eine sich steigernde Szene wird nun mit Mitwirkung des Publikums unter der Kontrolle des Videators und des Audiators sowie mit steigernder Schlagzeugbegleitung  vorgeführt, dann wieder Stopp .Der Vorgang kann mehrmals mit wechselnden Personen und Sounds/Video-Inputs wiederholt werden. Dann wieder der Forscher:)

Ich werfe nun die Wahrheitsfrage auf! Wie wahr oder wirklich ist das Geschehen, in das wir hier und jetzt verstrickt sind. Wenn Kunst Wahrheit ist, wie manche Künstler behaupten, was ist die Wahrheit in unserem Kunstwerk? Der einzelne Impuls? Das Gemeinschaftserlebnis? Das Konzept? Die Technik? Schrödingers Katze? Unsere Oper? Ist sie tot? Lebt sie? Was meinen sie?

(Diskussion angeregt durch geplante Wortmeldungen und dann Ende der Vorführung, das Publikum löst sich auf, während die Schluss-Musik leiser wird.)

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