Leadership-Interview mit Prof. Ing. Peter Kotauczek

Prof. Ing. Peter Kotauczek, Vorstand der BEKO Holding AG, kennt die wertschöpfende Kraft von Innovationen bestens. Im Interview mit „Leadership“ spricht der Gründer von Österreichs größter börsenotierter Holding-Gesellschaft im Technologie-Umfeld über seine Rezepte, Firmen innovativ zu machen und zu halten. Und natürlich die Kernfrage, ob man Kreativität „verordnen“ kann…

Herr Professor Kotauczek, gleich zu Beginn die wohl wichtigste Frage in diesem Zusammenhang: Wie bringe ich mein Unternehmen dazu, auf allen Ebenen innovativ zu denken?

Indem ich selbst damit beginne. Nur dann kann ich verstehen, was innovativ denken überhaupt heisst und was es bedeutet, neue Gedanken gegen Widerstände zu vertreten.

Das hieße vor allem, dass die Personalauswahl ganz entscheidend ist. Wie erkennt man Ihrer Erfahrung nach innovationsfreudige Mitarbeiter beim Einstellungsgespräch?

Man lässt sie reden und sagt nicht nur was man von ihnen erwartet. Leider läuft das Recruiting inzwischen schon sehr stark standardisiert ab. Da stimmen auch die Rahmenbedingungen nicht mehr.

Werblich haben Sie mit dem Bekenntnis zu der Plattform „Second Life“ einen innovativen Weg beschritten. Allerdings haben sich für viele die Erwartungen an diesem Schnittpunkt Marketing/Technik nicht erfüllt. Welche Innovationen sehen Sie als nächstes auf die Firmen zukommen?

Da liegt ein Missverständnis vor. Wir interessieren uns für die Systeme „vom Typ Second Life“ und nicht für das konkrete Produkt. Inzwischen wird hinter den Kulissen von sehr grossen SW-Häusern an wichtigen Fragen geforscht, die durch diesen SL-Hype aufgeworfen wurden.

Wandel – und als solcher wird Neues ja meist gesehen – erzeugt reflexhaft Abwehr. Lassen sich Skeptiker Ihrer Meinung nach überzeugen bzw. wie holt man sie ins Boot?

Wirklich Neues schleicht sich sehr leise in die Gesellschaft ein. Meist wird von der Öffentlichkeit gar nicht verstanden oder bemerkt, was läuft. Bis das Neue so viel Verbreitung gefunden hat, dass die Öffentlichkeit munter wird. Dann ist es aber meist schon passiert. Das war beim Internet so, das war bei Google so, bei Youtube, beim SMS usw. Erst jetzt wird darüber diskutiert, was für einen Einfluss diese Technologien auf unser Leben haben. Diese Diskussionen sind in der Szene aber schon vor Jahren gelaufen, ohne je das Interesse der Medien zu finden.

Als wir uns vor Jahrzehnten das letzte Mal getroffen haben, sprachen Sie in Eisenstadt über computer-generierte Kunst. Wie sehen Sie die Laptop- und Blackberry-Welt des Managements heute, vor allem, wenn es um Kreativität geht?

Nun, die Medien sind mittlerweile voll von Berichten über computerbasierte Kunstprojekte. Ich habe manchmal den Eindruck, dass in der Kunst überhaupt nichts mehr ohne Computer läuft. Für das Management bedeutet das, dass Methodiken die in der Kunst entwickelt wurden auch in der Wirtschaft funktionieren. Vor allem wenn es um Entscheidungsfindung in Situationen ohne verlässliche Daten geht.

Meinen Sie Simulationen? Oder wie könnten diese Führungslehren aus der Kunst konkret aussehen?

Ja, ich meine Simulationen der realen Welt. Der realen Welt der Betriebe, samt dem sie umgebenden politischen und sozialen Umfeld.  Wir stehen zunehmend vor dem Problem, dass alle wirtschaftlichen Prozesse komplexer werden. Gleichzeitig ziehen wir unsere Informationen immer öfter aus indirekten medialen Quellen. Sie selbst haben gerade auf die Laptop- und  Blackberry-Welt des heutigen Managements hingewiesen. Aber was bedeutet denn das in der Praxis? Der Manager, der seine Infos aus dem Internet und dem Handy-Netz bezieht hat ja keine Eindrücke mehr, die direkt von seinen eigenen Sinnen stammen, sondern hochartifizielle Artefakte, von denen er außerdem nicht wissen kann, wie sie konkret entstanden sind. Der Manager nähert sich damit einer Kunstform an, die man den konkreten Konstruktivismus nennt. Aus vielen Datenfragmenten, eigenen Erlebnis-Fetzen, ideologischen Versatzstücken und Tagesmoden bastelt sich der Manager ein Bild der Welt zusammen, auf das er dann seine Entscheidungen gründet. Er verhält sich damit schon sehr ähnlich wie der Künstler, der eine konstruktivistische Collage erstellt. Wir müssen uns fragen, ob es überhaupt noch anders geht. Die Ausbildung der Manager geht aber nach wie vor davon aus, dass es „wahre“ und „richtige“ Informationen überhaupt gibt, die Kunst ist da schon weiter. Sie weiß, das jede künstlerische Handlung ein Eingriff, eine Intervention in die soziale Realität ist, die einen mehr oder weniger großen Einfluss auf die Gesellschaft und auf den Künstler selbst hat. Genau das gleiche können wir gerade im Kapitalmarkt beobachten, wo Finanz-Artisten abstürzen und von neuen unverbrauchten Illusionisten abgelöst werden.

Ein immer noch verfolgtes Ziel von Ihnen ist die österreichische Softwarelösung. Woran hapert’s bzw. in welchen Bereichen wäre eine Geschichte wie SAP hierzulande möglich?

Ich habe immer die Meinung vertreten, dass man von österreichischem Boden aus bestenfalls auf dem Gebiet der ITK-Dienstleistung größere Wirtschaftseinheiten aufbauen kann. Das hat viele Gründe, die in den herrschenden Rahmenbedingungen liegen. Folgerichtig arbeite ich nach wie vor daran, einen Dienstleistungskonzern zu organisieren, der unter österreichischem Eigentum und unter österreichischer Leitung steht. Nur dann können wir sicher sein, dass die Entscheidungen hier in unserem Land fallen. Mit dem Phänomen Software as a Service (SaaS) ergeben sich aber auch ganz neue Chancen einer Bündelungs-Strategie der SW-Branche, die nicht mehr direkt an das Eigentumsrecht an Firmen geknüpft ist, sondern auf kooperativer Zusammenarbeit basiert, ähnlich jener der sozialen Plattformen wie WordPress oder Youtube. Dort wird ja auch bereits massiv Software in Form elektronischer Contents gehandelt, ohne dass es einen Warenaustausch gegen Geld im klassischen Sinn der Wirtschaftslehre gibt. Preis und Leistung wird dort entkoppelt und nur auf Umwegen realisiert. Fast wie im Kunstmarkt.

Sie haben mit 69 Jahren Ihren Vorstandsvertrag verlängert. Gibt es ein Rezept, wie man in höheren Jahren den Anschluss an aktuelle Entwicklungen – gerade in der Technik – halten kann?

Wenn die Gesundheit stimmt, dann muss man neugierig bleiben und mitdenken. Alte Generalisten bewähren sich immer dann, wenn es darum geht, in unsicheren Zeiten ruhig und gelassen, aber druckvoll, strategische Entscheidungen zu treffen. Hier kann das Alter unbezahlbare Vorteile bieten. Ich denke solche Zeiten stehen uns unmittelbar bevor. Die Erfahrung verschiedener Phasen in der Wirtschaftsentwicklung und der gelebte Umgang mit diesen generiert einen Erfahrungsschatz, der in Zeiten gleichmäßigen Wachstums als sentimentale  Histörchen verachtet wurde und neuerdings gefragte Informationsbestände darstellt. Immer öfter passiert es mir in letzter Zeit, dass ich von jüngeren Kollegen darauf angesprochen werde. Wie beispielsweise die Branche und ich selbst in der Krise der 70er-Jahre entschieden und gehandelt habe, um erfolgreich zu überleben.

Krisen „erzwingen“ oft Innovationen, die zuvor undenkbar schienen. Sehen Sie darin ebenfalls eine Chance, ein Umdenken schneller herbeizuführen, wie dies aktuell oft kolportiert wird?

Krisen sind ja nicht nur etwas Negatives. Sie zwingen uns, unser Leben und unsere Handlungen in einem neuen Licht zu sehen. Das ist ein erzwungener kreativer Akt der uns oft Angst macht. Wir müssen Dinge akzeptieren, die uns nicht gefallen, wir müssen den „inneren Schweinehund“ überwinden. Wir müssen wieder lernen, Kooperation vor Konkurrenz zu stellen, Bescheidenheit vor Selbstdarstellung und Kaufmannschaft vor Spekulation. Aber wir müssen auch mutig und gelassen bleiben, alles Eigenschaften, die etwas aus der Mode gekommen sind. Künstler nennen das eine Schaffenskrise und wissen, dass eine solche meist zu ganz neuen Ideen führt.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: